Die Geschichte der Jungfrau Klima-CO2Operation
Es gibt Projekte, die ihrer Zeit voraus sind. Und solche, die genau zur richtigen Zeit entstehen.
Die Gründung der Jungfrau Klima-CO2Operation im Jahr 2009 war beides. Als der Begriff “Klimaneutralität” noch nicht in jedem Unternehmensreport stand, als “Nachhaltigkeit” noch kein Marketing-Buzzword war, schlossen sich in einem Gemeindesaal in Lauterbrunnen Menschen zusammen, die eine einfache Überzeugung teilten: Die Alpen verändern sich. Und die Öffentlichkeit muss es wissen.
Das war der Beginn von 14 Jahren Pionierarbeit im Berner Oberland.
Die Gründungsjahre: Eine Initiative entsteht
Lauterbrunnen, 2009
Am 4. Juni 2009 versammelten sich im Gemeindehaus Adler in Lauterbrunnen rund 30 Personen zur Gründungsversammlung. Lokale Behördenvertreter, Wissenschaftler der Universität Bern, Tourismusverantwortliche der Region Jungfrau und Vertreter regionaler Unternehmen. Eine ungewöhnliche Koalition für ein ungewöhnliches Projekt.
Das Gründungsbudget belief sich auf knapp 40’000 Schweizer Franken, finanziert durch die Einwohnergemeinde Lauterbrunnen, private Gönner und einen ersten Kantonsbeitrag. Bescheiden. Aber ausreichend, um den Grundstein zu legen.
Die Vereinsstatuten, die an jenem Abend verabschiedet wurden, formulierten das Ziel unmissverständlich:
- Den Klimawandel in der Jungfrau Region sichtbar und erfahrbar machen
- Wissenschaft und Tourismus als Partner, nicht als Gegner positionieren
- Die Region als Vorreiterin für angewandten Klimaschutz in den Alpen etablieren
- CO2-Reduktion als wirtschaftliche Chance, nicht als Belastung kommunizieren
Die ersten Projekte
Schon im ersten Jahr entstanden zwei Initiativen, die den Kurs für die folgenden Jahre setzten.
Die Jungfrau Klima-Charta verpflichtete lokale Betriebe, Gemeinden und Organisationen zu messbaren CO2-Reduktionszielen. Eine freiwillige, aber öffentlich einsehbare Selbstverpflichtung. 23 Erstunterzeichner. Ein Signal, das über die Region hinaus wahrgenommen wurde.
Parallel dazu begannen die Planungsarbeiten für den Klimaguide, den interaktiven Lehrpfad zwischen Kleiner Scheidegg und Eigergletscher, der zum bekanntesten Projekt der Organisation werden sollte.
Zeugen des alpinen Wandels: 2010 bis 2018
Die Aufbauphase
Die Jahre nach der Gründung waren geprägt von wissenschaftlicher Vernetzung und dem Aufbau institutioneller Partnerschaften. Entscheidend war die enge Zusammenarbeit mit dem Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR) der Universität Bern, einem der führenden Klimaforschungsinstitute Europas.
Auf dem Jungfraujoch, auf 3454 Metern über Meer, kooperierte die CO2Operation mit der Internationalen Hochalpinen Forschungsstation (HFSJG). Die dort seit 1931 erhobenen Klimadaten lieferten die wissenschaftliche Grundlage für alle Kommunikationsmassnahmen. Keine Schätzungen. Keine Prognosen ohne Basis. Echte Messdaten, verständlich übersetzt.
Die dokumentierten Fakten aus dieser Phase sind ernüchternd präzise:
- Volumenverlust des Aletschgletschers von über 20 % seit Beginn systematischer Messung
- Temperaturanstieg in den Schweizer Alpen um 2,1 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit
- Rückzug des Unteren Grindelwaldgletschers um mehr als 1,5 Kilometer seit 1870
- Verdopplung der Häufigkeit von Felsstürzen und Bergrutschereignissen im Berner Oberland seit 1990
Diese Daten wurden in enger Abstimmung mit der Naturschutzorganisation Pro Natura in Kampagnenmaterial für Berggänger und Tourismusbetriebe übersetzt.
Wachsende Ausstrahlung
Bei den jährlichen Generalversammlungen im Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken nahmen ab 2012 zunehmend politische Entscheidungsträger des Kantons Bern teil. Was als lokale Initiative gestartet war, hatte nationale Strahlkraft gewonnen.
2011 erhielt die Organisation den SVSM Award für besondere Verdienste im Bereich Klimakommunikation. Die Stiftung myclimate zeichnete das Engagement mehrfach aus. Der Verein wurde zu einem gefragten Berater für klimaneutrale Infrastrukturprojekte im gesamten Berner Oberland, von Hotelbetrieben über Bergbahngesellschaften bis hin zu kommunalen Behörden.
Der Klimaguide als Flaggschiff
Mit dem Start des Klimaguides 2009 und seiner digitalen Erweiterung ab 2012 verfügte die CO2Operation über ein Aushängeschild, das europaweit Beachtung fand.
Das Oeschger-Zentrum veröffentlichte 2014 einen Bericht, in dem das Projekt explizit als vorbildliche Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Öffentlichkeit gewürdigt wurde. International bekannte Fachmedien berichteten. Universitäten aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden besuchten Grindelwald, um das Modell zu studieren. Lesen Sie die vollständige Geschichte des Lehrpfads in unserem Artikel über den Klimaguide.
Die Jahre der Konsolidierung: 2019 bis 2022
Disruption und Neuausrichtung
Die Covid-19-Pandemie traf den Alpentourismus hart. 2020 und 2021 brachen die Besucherzahlen in der Jungfrau Region um bis zu 60 % ein. Geführte Touren entfielen. Unternehmensevents wurden abgesagt. Der Klimaguide, so stark er inhaltlich war, hatte keine Wanderer mehr.
Diese erzwungene Pause wurde zur Reflexionszeit.
Der Vorstand der CO2Operation erkannte, was der Markt bereits signalisierte: Ein rein auf physische Erlebnisse ausgerichtetes Modell ist verletzlich. Die Zukunft lag in einer digitalen, redaktionellen Präsenz, die unabhängig von Besucherzahlen Autorität aufbaut und Zielgruppen erreicht.
Die Erkenntnis
Informationsvermittlung allein reichte nicht mehr. Der Markt für nachhaltigen Bergtourismus war gewachsen, professionalisiert und international geworden. Hotelgruppen, Bergbahnbetreiber, Outdoor-Ausrüster und Event-Agenturen suchten nach glaubwürdigen Fachmedien, die ihnen helfen, sich in einem zunehmend umkämpften Markt zu positionieren.
Die CO2Operation hatte das Netzwerk. Die Daten. Die institutionellen Kontakte. Was fehlte, war die mediale Infrastruktur.
Die strategische Neuausrichtung: 2023
Vom Verein zum Leitmedium
Im Jahr 2023 traf der Vorstand eine mutige Entscheidung. Die historische Vereinsstruktur sollte in eine vollständig digitale, redaktionelle Plattform überführt werden.
Mit der Unterstützung von Schweiz Tourismus und in Absprache mit lokalen Partnern wie dem Tourismusbüro Lauterbrunnen und der Gemeinde Grindelwald wurde das Konzept ausgearbeitet. Die Grundprinzipien blieben dieselben:
- Wissenschaftliche Präzision als nicht verhandelbare Basis
- Lokale Verankerung im Berner Oberland als geografischer Anker
- Offene Kommunikation über CO2-Bilanzen und Klimaziele ohne Greenwashing
- B2B-Orientierung, um wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Plattform zu sichern
So entstand Jungfrau Klima. Kein Relaunch. Eine Transformation.
Unsere Vision: Was bleibt und was neu entsteht
Die DNA der CO2Operation lebt weiter
Vierzehn Jahre Feldarbeit, wissenschaftliche Partnerschaft und regionale Vernetzung lassen sich nicht kopieren. Sie sind unser Kapital.
Heute trägt jeder Artikel auf dieser Plattform die Handschrift der ursprünglichen CO2Operation. Ob wir über autofreie Mobilität im Lauterbrunnental berichten, die Swisstainable-Zertifizierungen der besten Unterkünfte im Berner Oberland analysieren oder Unternehmen bei der Planung nachhaltiger Teamevents in Grindelwald begleiten: Der Massstab bleibt derselbe.
Kein Inhalt ohne Fakten. Keine Empfehlung ohne Überprüfung. Kein Label ohne Substanz.
Was eine Region zur Referenz macht
Das Berner Oberland ist kein Tourismusgebiet wie jedes andere. Es ist ein Archiv.
Ein Archiv des Klimawandels, mit Gletschern die seit über einem Jahrhundert dokumentiert werden. Ein Archiv der Mobilität, mit dem dichtesten autofreien Bergbahnnetz der Schweiz. Ein Archiv des Zusammenspiels von Ökologie und Wirtschaft, in einer Region, die beides seit Generationen verhandelt.
In Zusammenarbeit mit den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), lokalen Hoteliers und wissenschaftlichen Partnern aus Bern und Zürich setzt Jungfrau Klima seinen Kurs fort: Das Berner Oberland nicht nur als Reiseziel, sondern als globales Referenzmodell für regenerative Tourismuswirtschaft zu dokumentieren und zu stärken.
Die Geschichte ist nicht abgeschlossen. Sie wird gerade neu geschrieben.