Nachhaltiger Tourismus ist kein Nischentrend mehr. Er ist zur Erwartungshaltung geworden.
Privatreisende fragen nach Nachhaltigkeitszertifikaten. Event-Manager müssen gegenüber ihren Unternehmen belegen, dass Seminare und Teamevents mit den ESG-Zielen des Konzerns vereinbar sind. HR-Abteilungen wollen nicht nur ein schönes Bergpanorama, sondern einen Partner, der Verantwortung nachweisbar lebt.
Das Swisstainable-Programm von Schweiz Tourismus ist die Antwort auf diese Nachfrage. Und das Berner Oberland gehört zu den Regionen der Schweiz mit der höchsten Dichte an zertifizierten Betrieben.
Der Aufstieg der Swisstainable-Zertifizierung
Was das Label bedeutet
Das nationale Swisstainable-Programm umfasst heute über 1’500 Tourismusbetriebe in der Schweiz. Kein Selbstdeklarationssystem. Kein Greenwashing-Freifahrtschein.
Die Zertifizierung unterscheidet drei Niveaus:
Niveau I — Committed: Der Betrieb hat sich zur Nachhaltigkeit verpflichtet und arbeitet aktiv auf messbare Ziele hin. Erste Massnahmen sind umgesetzt.
Niveau II — Engaged: Konkrete, nachweisbare Fortschritte in den Bereichen Energie, Wasser, Abfall, Mobilität und soziale Verantwortung. Externe Überprüfung.
Niveau III — Leading: Vorreiterrolle in der Branche. Umfassende Massnahmen, die über die regulatorischen Mindestanforderungen deutlich hinausgehen. Regelmässige Audits durch unabhängige Prüfstellen.
Für Event-Manager und CSR-Verantwortliche ist die Unterscheidung wichtig: Ein Niveau-III-Betrieb kann in internen Nachhaltigkeitsberichten als “verifizierter Partner” ausgewiesen werden. Ein entscheidender Unterschied in der ESG-Kommunikation.
Die Region Jungfrau als Vorreiter
Das Berner Oberland, und insbesondere die Jungfrau-Region, hat eine Besonderheit: Die autofreien Bergdörfer Wengen und Mürren haben strukturell einen Rückenwind, den andere Destinationen erst aufbauen müssen. Kein Autoverkehr bedeutet keine Abgase, keinen Lärm, keine Parkplatzinfrastruktur. Das ist kein zertifiziertes Label, das ist Realität seit über hundert Jahren.
Auf dieser Basis setzen die Swisstainable-Betriebe der Region weitere Schichten von Nachhaltigkeit auf.
Lokale Gastronomie und kurze Wege
Das Kriterium der regionalen Beschaffung
Eines der anspruchsvollsten Kriterien auf Niveau III betrifft die Gastronomie: Mindestens 80 % der kulinarischen Produkte müssen von regionalen Erzeugern stammen. Das klingt nach einer einfachen Anforderung. In der Praxis bedeutet es den Aufbau direkter Lieferketten mit Bergbauern, Käsereien und Kleinstproduzenten, die keine industriellen Mengen liefern können.
Im Herzen von Grindelwald hat das Hotel Belvedere diese Herausforderung zur Stärke gemacht. Durch eine exklusive Partnerschaft mit der lokalen Käsereigenossenschaft des Tals kann das Haus garantieren, dass der Gruyère auf dem Frühstückstisch den Alpsommer in Sichtweite verbracht hat. Die Partnerschaft ist mit dem Gütesiegel von Bio Suisse belohnt worden.
Was das für Seminargäste bedeutet: Ein Abendessen im Hotel Belvedere ist kein kulinarisches Beiwerk. Es ist ein Statement über lokale Wertschöpfung, das im Unternehmenskontext kommunizierbar ist.
Saisonalität als Qualitätsmerkmal
Nachhaltige Gastronomie bedeutet auch: keine Erdbeeren im Dezember. Keine importierten Exoten, wenn regionale Alternativen verfügbar sind.
Mehrere Swisstainable-Betriebe im Berner Oberland haben ihre Speisekarten konsequent auf saisonale Produkte umgestellt. Das erfordert mehr Kreativität in der Küche. Und es erzeugt ein unverwechselbares Angebot, das von Gästen als authentisch wahrgenommen wird.
Innovatives Ressourcenmanagement
Energie, Wasser, Abfall
Das ressourcenschonende Management ist das technische Rückgrat jeder ernsthaften Swisstainable-Zertifizierung. Im autofreien Bereich von Mürren zeichnet sich das Hotel Edelweiss aus, das seinen Energieverbrauch durch modernste Wärmedämmung und eine neue Wärmepumpenanlage um 25 % gesenkt hat.
Das branchenweite Ziel lautet: 0 % Einwegplastik in den Zimmern bis 2025. Die fortschrittlichsten Betriebe haben dieses Ziel bereits übertroffen. Keramikdispenser statt Plastikfläschchen. Glasflaschen statt PET. Nachfüllbare Trinkwasserkaraffen aus regionalen Quellen statt Mineralwasser in Plastik.
Das Romantik Hotel Schweizerhof in Innertkirchen hat ein geschlossenes Kompostierungssystem eingeführt, das vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) als Referenzmodell geprüft wurde. Organische Abfälle aus der Küche werden zu Kompost für den hoteleigenen Kräutergarten. Ein kleiner Kreislauf, der symbolisch für eine grössere Philosophie steht.
Zertifizierungen als Navigationshilfe
Neben Swisstainable tragen viele Betriebe der Region weitere Zertifizierungen, die eine Orientierungshilfe für Buchende bieten:
- Bio Suisse: Gastronomische Betriebe mit zertifiziert biologischer Küche
- ISO 14001: Umweltmanagementsystem, relevant für grössere Betriebe und Bergbahnen
- Energieetikette A+: Neubauten und Renovierungen nach Mustervorschriften der Kantone (MuKEn 2014)
- naturemade star: Zertifizierung für Wasserkraft aus ökologisch verträglichen Anlagen
Für Event-Manager, die mehrere Partner in einen Nachhaltigkeitsbericht integrieren müssen, sind diese Zertifizierungen entscheidende Belege. Ein nachhaltiger Teamanlass in Grindelwald, der in einem Niveau-III-Betrieb durchgeführt wird, lässt sich im ESG-Report des Unternehmens klar dokumentieren. Passende Anbieter für die Outdoor-Aktivitäten selbst finden Sie in unserem Guide zu nachhaltigen Teambuilding-Anbietern in Grindelwald.
Anreize für eine kohlenstoffarme Mobilität
Der Rabatt als Lenkungsinstrument
Die ökologisch konsequenteste Verhaltensänderung ist die Anreise ohne Auto. Mehrere Swisstainable-Betriebe der Jungfrau-Region unterstützen diese Wahl mit direkten finanziellen Anreizen.
Das Prinzip: Gäste, die nachweislich mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, erhalten einen Rabatt von 10 % auf den Übernachtungspreis. Die Ökologie-Jugendherberge Gimmelwald, die das autofreie Bergdorf per Seilbahn erschlossen ist, wendet diese Anreizpolitik in direkter Partnerschaft mit der Eisenbahngesellschaft BLS (Bern-Lötschberg-Simplon) an.
Der Nachweis: Das SBB-Ticket oder die Halbtaxkarte wird an der Rezeption vorgezeigt. Keine Bürokratie. Keine Ausnahmen.
Wer die gesamte Infrastruktur für eine autofreie Reise ins Lauterbrunnental kennenlernen möchte, findet die praktischen Details in unserem Guide zur sanften Mobilität in Lauterbrunnen.
Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Verkehr
Mehrere Hotels der Region haben mit den SBB und der Jungfraubahn Kombiprodukte entwickelt, die Übernachtung und Bergbahnnutzung zu reduzierten Gesamtpreisen bündeln. Der Jungfrau Travel Pass lässt sich in vielen Swisstainable-Betrieben direkt beim Check-in erwerben.
Für Gruppen ab 10 Personen bestehen Sonderkonditionen, die für Event-Manager bei der Budgetplanung relevant sind.
Soziale und menschliche Verantwortung
Arbeitsbedingungen als Nachhaltigkeitskriterium
Nachhaltigkeit endet nicht beim CO2-Fussabdruck. Das Swisstainable-Programm bewertet auch die sozialen Dimensionen des Betriebs.
Konkret verlangt das Label auf Niveau III faire Arbeitsbedingungen und einen Mindestlohn, der mindestens 5 % über den Standards des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) Gastgewerbe liegt. In einem Sektor, der strukturell von Saisonarbeit und hoher Fluktuation geprägt ist, ist das keine Selbstverständlichkeit.
In Wengen zeichnet sich das Hotel Schönegg aus: Der Betrieb finanziert die Weiterbildung seiner Mitarbeitenden über das Netzwerk GastroSuisse vollständig. Aus- und Weiterbildung, vom Sommelier bis zur Eventkoordinatorin, werden als Investition, nicht als Kostenfaktor behandelt.
Warum das für B2B-Buchende relevant ist
Unternehmenskunden, die heute ein Seminar buchen, werden von ihren eigenen Compliance-Abteilungen gefragt: Wie wurden die lokalen Mitarbeitenden des Partnerbetriebs bezahlt? Wurden Menschenrechtsstandards eingehalten?
Ein Swisstainable-Niveau-III-Betrieb liefert die Antwort auf diese Fragen mit. Dokumentiert. Überprüft. Kommunizierbar.
Das ist kein ethisches Kürzel. Das ist praktischer Wert für den Buchungsprozess in einem ESG-bewussten Unternehmensumfeld.