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Postglaziale Biodiversität: Neue Ökosysteme im Gletschervorfeld

Pionierpflanzen im Gletschervorfeld eines zurueckweichenden Alpengletschers

Wo einst Eis lag, wächst Leben.

Der Rückzug der Alpengletscher legt Flächen frei, die seit Jahrtausenden unter Eis begraben waren. Diese Gletschervorfelder sind kein totes Geröll. Sie sind Freilandlabore, in denen sich Ökosysteme in Echtzeit bilden, beobachtbar innerhalb einer einzigen Wanderung.

Für Wissenschaft und Tourismus eröffnet das eine Perspektive, die im Schatten der Verlustmeldungen meist übersehen wird. Der dokumentierte Rückgang des Grossen Aletschgletschers schafft unfreiwillig einen der wertvollsten Sukzessionsgradienten Europas.

Was im Gletschervorfeld tatsächlich passiert

Primärsukzession, Schritt für Schritt

Ein Gletschervorfeld ist die Zone zwischen dem heutigen Eisrand und dem Höchststand früherer Jahrzehnte, meist markiert durch Seiten- und Endmoränen. Hier läuft ein Prozess ab, den Ökologen Primärsukzession nennen: die Besiedlung von blankem, nährstoffarmem Rohboden von Grund auf.

Die Abfolge ist erstaunlich geordnet:

Bodenbildung ist der langsamste Teil dieser Kette. In alpiner Höhe entstehen wenige Zentimeter Humus pro Jahrhundert. Alles, was danach kommt, hängt von dieser dünnen Schicht ab.

Warum das Vorfeld ein Zeitraffer ist

Der methodische Reiz liegt in der Chronosequenz. Je weiter eine Fläche vom heutigen Eisrand entfernt liegt, desto länger ist sie eisfrei. Ein Querschnitt durch das Vorfeld ist damit ein Querschnitt durch die Zeit.

Zur Datierung nutzen Forschende unter anderem die Lichenometrie: Die Landkartenflechte wächst mit bekannter, sehr langsamer Rate. Aus ihrem Durchmesser lässt sich abschätzen, wann ein Block eisfrei wurde. Historische Moränenmarken und Fotografien des Schweizer Alpen-Clubs liefern die Gegenprobe.

Im Aletschgebiet lässt sich diese Abfolge über mehrere Altersstufen direkt ablesen. Wie sich solche Prozesse wissenschaftlich begleitet erschliessen lassen, zeigen die Eiger Climate Excursions mit ihrem Fokus auf Feldforschung im Gelände.

Die Pioniere und ihre Strategien

Wer als Erster kommt, muss drei Probleme gleichzeitig lösen: kein Stickstoff, kein Wasserspeicher, kein Windschutz.

Die Antworten der Pionierarten sind unterschiedlich und lehrreich. Fleischers Weidenröschen setzt auf Masse und Mobilität. Seine Samen tragen Flughaare, reisen über Kilometer und keimen auf reinem Sand. Die Pflanze investiert wenig in Dauerhaftigkeit und viel in Verbreitung. Sie ist die klassische Erstbesiedlerin alpiner Schwemmflächen.

Das Alpen-Leinkraut geht den umgekehrten Weg. Es bildet tiefe, verzweigte Wurzeln, hält sich in beweglichem Schutt und wächst langsam. Silberwurz wiederum lebt in enger Partnerschaft mit stickstofffixierenden Bakterien und schafft damit die Grundlage für alle, die nach ihr kommen. Sie düngt den Boden, den ihre Nachfolger brauchen.

Bemerkenswert ist die Reihenfolge im Tierreich. Springschwänze, Laufkäfer und Spinnen erreichen frisch eisfreie Flächen häufig vor der ersten Pflanze. Ihre Nahrungsgrundlage ist äolischer Eintrag: Pollen, Insektenreste und organischer Staub, den der Wind aus tieferen Lagen heraufträgt. Ein Nahrungsnetz ohne lokale Primärproduktion, das ausschliesslich von Importen lebt.

Diese Kaskade ist der Grund, warum Vorfelder wissenschaftlich so wertvoll sind. Anderswo muss man Sukzession rekonstruieren. Hier lässt sie sich messen, Jahr für Jahr, auf derselben Fläche.

Für die Vermittlung ist das ein Geschenk. Eine Handvoll Arten, klar unterscheidbar, mit einer nachvollziehbaren Logik dahinter. Wer erklären will, wie ein Ökosystem entsteht, braucht keine Modellrechnung. Es genügt, hundert Meter talwärts zu gehen und dieselbe Fläche dreissig Jahre älter zu betrachten.

Neue Arten, verschobene Lebensräume

Der Klimawandel verschiebt nicht nur Eisränder, sondern ganze Verbreitungsgrenzen. Wärmeliebende Arten wandern in die Höhe.

Forschende der ETH Zürich, der WSL und der Universität Lausanne dokumentieren, wie Pflanzenarten pro Jahrzehnt mehrere Höhenmeter nach oben rücken. Das schafft neue Nachbarschaften. Und Konflikte.

Die Bilanz ist unbequem gemischt:

Für die zweite Gruppe gibt es kein Ausweichen. Über dem Gipfel endet der Lebensraum. Das Biodiversitätsmonitoring Schweiz und das Bundesamt für Umwelt BAFU verfolgen diese Dynamik seit Jahren. Die Botschaft ist eindeutig: Neue Vielfalt entsteht, doch der Verlust einzelner Spezialisten ist real und irreversibel.

Artenzahl allein ist deshalb ein schlechter Indikator. Ein Vorfeld, in dem zwanzig Allerweltsarten fünf hochalpine Spezialisten verdrängen, gewinnt statistisch und verliert ökologisch.

Ein Lebensraum, der erst seit Kurzem geschützt ist

Rechtlich waren Gletschervorfelder lange ein blinder Fleck. Sie galten als Ödland.

Das hat sich geändert. Gletschervorfelder und alpine Schwemmebenen sind heute als eigener Lebensraumtyp im Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung erfasst. Damit stehen Flächen unter Schutz, die vor wenigen Jahrzehnten noch unter Eis lagen und in keiner Karte als Natur verzeichnet waren.

Der Konflikt folgte prompt. Gletschervorfelder sind auch attraktive Standorte für Wasserkraft: hoher Fallhöhengewinn, natürliche Beckenform, bestehende Erschliessung. Das Projekt eines Speichersees im Triftgebiet im Gadmental, betrieben von den Kraftwerken Oberhasli, ist das bekannteste Beispiel im Berner Oberland für die Abwägung zwischen Winterstrom und einem jungen, gesetzlich geschützten Lebensraum.

Solche Abwägungen werden zunehmen. Jeder weitere Rückzug legt neue Flächen frei, auf die mehrere Nutzungen gleichzeitig Anspruch erheben.

Warum das für den Tourismus zählt

Postglaziale Ökosysteme sind ein unterschätztes touristisches Kapital. Sie erzählen die Geschichte des Klimawandels begehbar, ohne Zeigefinger und ohne Bildschirm.

Geführte Exkursionen ins Vorfeld verbinden Naturerlebnis und Wissensvermittlung. Das passt exakt zum Profil eines bildungsorientierten Publikums, das ohnehin in die Region kommt. Genau diese Verbindung hat das Klimaguide Jungfrau seit 2009 vorgemacht, und sie funktioniert im Vorfeld noch direkter, weil der Wandel dort nicht erklärt werden muss. Er ist sichtbar.

Für Destinationen ergibt sich daraus ein Angebot mit ungewöhnlich gutem Kosten-Nutzen-Verhältnis:

Gerade tiefer gelegene Stationen, die im schneearmen Winter nach neuen Modellen suchen, finden hier ein Format mit hoher Wertschöpfung und niedriger Kapitalbindung. Das Pro Natura Zentrum Aletsch auf der Riederalp betreibt diese Art der Vermittlung seit Jahrzehnten im Umfeld des Aletschwaldes, der bereits 1933 unter Schutz gestellt wurde.

Was den jungen Boden gefährdet

Junge Ökosysteme sind empfindlich, und zwar aus einem simplen physikalischen Grund. Die Vegetationsdecke ist dünn, die Wurzeln sind flach, das Substrat ist locker.

Ein Trittpfad quer durch eine zwanzigjährige Pionierflur setzt die Sukzession lokal auf null zurück. Wo hunderte Gäste im Sommer dieselbe Abkürzung nehmen, entsteht innerhalb einer Saison eine Erosionsrinne. Gelenkte Besucherströme, markierte Wege und ein klar kommuniziertes Wegegebot sind deshalb keine Bevormundung, sondern die Bedingung dafür, dass es überhaupt etwas zu zeigen gibt.

Dazu kommen die Naturgefahren. Frisch eisfreie Hänge sind instabil, Moränen rutschen, neue Gletscherseen können ausbrechen. Dieselbe Instabilität, die auftauender Permafrost bei Bergbahnstützen erzeugt, gilt im Vorfeld für den Untergrund unter den Füssen der Gäste.

Der Gletscher zieht sich zurück, ob dokumentiert oder nicht. Was auf der freigelegten Fläche entsteht, entscheidet sich in den nächsten zwanzig Jahren. Es ist eine der wenigen Fragen im alpinen Klimawandel, bei der lokale Entscheidungen den Ausschlag geben.


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