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Der Grosse Aletschgletscher: Die Geschichte eines messbaren Rückgangs

Der Grosse Aletschgletscher schmilzt: Wissenschaftliche Beobachtungsstation der EPFL vor dem zurückgehenden Eis in den Schweizer Alpen

Stellen Sie sich eine Eismasse vor, die 900 Millionen Tonnen Süsswasser enthält. Fast 20 Kilometer lang. An manchen Stellen über 900 Meter tief. Der Grosse Aletschgletscher ist kein Gletscher. Er ist ein Kontinent aus Eis.

Und er schrumpft. Schneller als je zuvor in der Geschichte menschlicher Aufzeichnungen.

Ein Eisreservoir unter strenger Beobachtung

Die Fakten, nüchtern betrachtet

Gemäss den topografischen Erhebungen der EPFL (Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne) verliert der Aletschgletscher heute jährlich bis zu 50 Meter an Länge. Das entspricht, zur Veranschaulichung, einem mittelgrossen Häuserblock, der pro Jahr ins Nichts verschwindet.

Zwischen 2000 und 2022 verlor der Gletscher rund 20 % seines Gesamtvolumens. Studien der Universität Lausanne (UNIL) und des nationalen Gletschermessnetzes GLAMOS (Glacier Monitoring Switzerland) dokumentieren diesen Rückgang mit einer Präzision, die keine Interpretationsspielräume lässt. Die Messdaten stammen aus einem Netz von Pegeln, Satellitendaten und Laserscanning-Überflügen, die seit den 1880er Jahren in Kontinuität stehen.

Vom Aussichtspunkt Moosfluh, betreut von der Naturschutzorganisation Pro Natura, lässt sich dieser Rückgang mit blossem Auge beobachten. Keine Grafik. Kein Modell. Nur die Moräne, die dort liegt, wo vor dreissig Jahren noch Eis war.

Warum der Aletsch ein Massstab für die gesamten Alpen ist

Der Grosse Aletschgletscher ist kein gewöhnlicher Gletscher. Er ist das Erinnerungsarchiv der Alpen.

Seine Eismassen akkumulieren Schicht für Schicht die Atmosphärengeschichte der letzten zehntausend Jahre. Klimaforscher der ETH Zürich entnehmen Bohrkerne, die wie Zeitkapseln funktionieren: Jede Schicht dokumentiert Temperatur, Niederschlag und Luftzusammensetzung eines bestimmten Jahres. Was sie in den jüngsten Schichten lesen, ist eindeutig.

Die Alpentemperaturen sind seit der vorindustriellen Zeit um 2,1 Grad Celsius gestiegen. Doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Die Konsequenzen sind nicht linear. Sie sind exponentiell.

Der Volumenverlust im Laufe der Jahrzehnte

Eine Chronologie des Rückzugs

Die Dokumentation des Aletschrückgangs ist eine der längsten kontinuierlichen Gletschermessreihen der Welt. Die wichtigsten Meilensteine:

Von der Station Bettmeralp aus, wo das Bundesamt für Umwelt (BAFU) historische Moränenmarken verzeichnet hat, wird dieser Zeitstrahl zur erfahrbaren Wirklichkeit. Steine mit Jahreszahlen markieren, wo der Gletscherkörper zu einem bestimmten Zeitpunkt endete. Jeder Schritt bergab ist ein Jahrzehnt weniger Eis.

Was die Schmelze antreibt

Die Physik ist unerbittlich. Höhere Temperaturen bedeuten mehr Schmelze im Sommer. Weniger Schneefall im Winter bedeutet weniger Nachschub. Beide Faktoren verschärfen sich gleichzeitig.

Hinzu kommt der sogenannte Albedo-Effekt: Frisches Eis reflektiert Sonnenstrahlung. Schmutziges Resteis, das durch Moränenablagerungen verdunkelt wird, absorbiert sie. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf. Je mehr Eis schmilzt, desto schneller schmilzt das verbleibende Eis.

Die Modelle des Schweizer Klimaforschungsinstituts C2SM (Center for Climate Systems Modeling) zeigen: Selbst bei einer sofortigen und drastischen Reduktion der globalen CO2-Emissionen ist ein weiterer Rückgang von 40 bis 50 % bis 2100 bereits einprogrammiert. Das Eis, das heute schmilzt, reagiert auf Emissionen von vor Jahrzehnten.

Klimaprognosen für dieses Jahrhundert

Drei Szenarien, eine Richtung

Das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz unterscheidet in seinen CH2018-Szenarien drei Entwicklungspfade:

Szenario RCP 2.6 (starke globale Emissionsreduktion): Temperaturanstieg in der Schweiz von rund 2 Grad bis 2100. Gletscherverlust: 40 bis 60 %.

Szenario RCP 4.5 (moderate Massnahmen): Anstieg von 3 bis 4 Grad. Gletscherverlust: 60 bis 80 %.

Szenario RCP 8.5 (ungebremste Emissionen): Anstieg von bis zu 7 Grad. Nahezu vollständiges Verschwinden der Schweizer Gletscher bis 2100. Verlust von über 80 % der verbleibenden Eismasse.

Das Tourismusinformationszentrum auf der Riederalp präsentiert diese Szenarien in einer permanenten Ausstellung von GLAMOS. Keine Panikmache. Keine Vereinfachung. Wissenschaftliche Ehrlichkeit.

Wer die unmittelbare Erfahrbarkeit dieser Prognosen sucht, findet sie auf dem Klimaguide der Jungfrau-Region: einem Lehrpfad, der abstrakte Klimadaten in konkrete Landschaftserlebnisse übersetzt.

Auswirkungen auf Wirtschaft und Alpentourismus

Die ökonomische Dimension des Eisverlusts

Der Aletschgletscher ist kein touristisches Accessoire. Er ist ein Wirtschaftsfaktor.

Die Aletsch Arena, die Tourismusdestination rund um den Gletscher, zählt jährlich über 400’000 Übernachtungen. Ein bedeutender Teil dieses Besucherstroms ist direkt an die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit des Gletschers geknüpft. Studien des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) schätzen die potenziellen Einkommensverluste im Tourismussektor des Kantons Wallis und des Berner Oberlandes auf mehrere hundert Millionen Franken in den kommenden Jahrzehnten, sollte der Rückgang im aktuellen Tempo fortschreiten.

Die Auswirkungen gehen über den Tourismus hinaus:

In der Nachbargemeinde Fiesch fördert der Dachverband Schweiz Tourismus aktiv den Übergang zu widerstandsfähigeren Wirtschaftsmodellen. Sommerhöhenwanderungen, Wissenschaftstourismus und Naturerlebnisse, die nicht vom Schnee abhängen, stehen im Mittelpunkt neuer Angebotsentwicklungen.

Die UNESCO-Welterbe-Dimension

Seit 2001 gehört die Jungfrau-Aletsch-Region zum UNESCO-Weltnaturerbe. Eine Auszeichnung, die Verpflichtung ist.

Das Welterbe-Management, koordiniert durch den Kanton Bern und den Kanton Wallis, setzt auf drei Säulen: Schutz, Forschung und Kommunikation. Der Aletschgletscher ist dabei der sichtbarste Indikator des Systemzustands. Sein Rückgang ist kein lokales Problem. Er ist ein globales Signal.

Lokale Initiativen für mehr Resilienz

Was die Region konkret tut

Die Herausforderung ist immens. Die Antworten entstehen trotzdem. Und sie sind konkret.

Mehr als 15 lokale Projekte sind derzeit aktiv, die sich dem Klimaschutz und der Klimaanpassung in der Aletsch-Region widmen. Von der Renaturierung von Feuchtgebieten über die Förderung extensiver Berglandwirtschaft bis hin zur Einführung emissionsarmer Transportinfrastrukturen.

In der Nähe des Dorfes Blatten zertifiziert das Swisstainable-Label von Schweiz Tourismus Infrastrukturen, die ihren CO2-Fussabdruck streng begrenzen. Das Label unterscheidet drei Niveaus: Engagement, Fortschritt und Vorreiter. Betriebe auf Stufe III müssen messbare Reduktionsziele vorweisen, externe Audits bestehen und kurze Lieferketten belegen. Kein Selbstdeklarationssystem. Ein externer Prüfprozess.

Die besten dieser zertifizierten Unterkünfte in der Jungfrau-Region stellen wir in unserem Artikel über Swisstainable-Hotels im Berner Oberland vor.

Die Aufgabe, die bleibt

Der Grosse Aletschgletscher wird nicht gerettet werden. Nicht vollständig. Nicht mehr.

Das ist keine Kapitulation. Es ist die Grundlage für realistische Handlungspriorität. Was noch gerettet werden kann, hängt von globalen Entscheidungen ab, die weit über die Aletsch Arena hinausgehen. Was lokal getan werden kann, ist: dokumentieren, sensibilisieren, anpassen.

Das war die Mission der Jungfrau Klima-CO2Operation. Das ist die Mission, die wir weiterführen.


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